Wirtschaft der Westküste sieht sich erst am Anfang der Krise

Wirtschaft der Westküste sieht sich erst am Anfang der Krise

Der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste (UVUW) hat seine 400 Mitgliedsunternehmen um ihre konjunkturelle Einschätzung gebeten.
Die Umfrage zur Konjunkturlage wurde im Mai und Juni 2019 an alle Mitglieder des UVUWs gerichtet. Teilgenommen haben 147 Unter-ehmen unterschiedlicher Branchen und Größen.
Ergänzend zu den detaillierten Fragen nach der Auftragslage, der Investitionsbereitschaft und den Personalbeständen stand diese Um-frage ganz im Zeichen der Auswirkungen der Corona Krise. Die vollständige Mitteilung lesen Sie hier: Lang_Presse gesamt Konjunkturumfrage 2020

1. Übergeordnete Themen – Auswir-kungen der Corona Krise
1.1. Unternehmen sehen sich erst am Anfang der Krise

Ein Drittel der Unternehmen (30%) glaubt, nicht von der Krise be-troffen zu sein. Jedes fünfte Unternehmen (20%) geht davon aus, die Talsohle bereits durchschritten zu haben. Die Mehrheit der Be-fragten (38%) glaubt jedoch, erst am Anfang der Krise zu stehen beziehungsweise sich derzeit auf dem Höhepunkt der Krise zu befin-den (13%).
Die Zahlen spiegeln die unterschiedliche Branchenbetroffenheit wider. Große Teile des Tourismus, der Gastronomie und des Einzelhandels haben bereits das Schlimmste hinter sich oder befinden sich derzeit auf dem Höhepunkt der Krise. Die Mehrheit der befragten Unter-nehmen und die in unserem Verband stark vertretene Industrie hin-gegen befindet sich erst am Anfang der Krise. Die Zahlen verdeutli-chen, dass bei den angekündigten Überbrückungshilfen des Bundes nachgelegt werden muss. Diese könnten derzeit nur bei hohen Um-satzverlusten in der ersten Jahreshälfte in Anspruch genommen wer-den.

1.2 Soforthilfe und Kreditanträge

Ein Viertel der befragten Unternehmen hat Anträge auf Corona So-forthilfe oder Kreditanträge gegen Liquiditätsengpässe gestellt. Die Auszahlung der Soforthilfen funktionierte nach den uns vorliegenden Rückmeldungen in der Mehrheit schnell und vergleichsweise unbüro-kratisch. Bei Kreditanträgen war dies weniger der Fall, weil die Ban-ken, auf Grund von bankenrechtlichen Vorschriften, ein vollständiges Prüfungsverfahren durchführen mussten. Sie können verständli-cherweise nicht einfach „Fünfe gerade sein lassen“. Die Politik hatte hier fälschlicherweise einen leichten und unbürokratischen Weg ver-sprochen. Es ist schließlich zu befürchten, dass die Kreditvergabe mit steigenden Insolvenzen eher noch restriktiver werden wird.
Es ist es für viele kleine Unternehmen und Soloselbständige nicht möglich, mit den bisher aufgelegten Programmen Unternehmerlöhne zu bestreiten. Ein Unternehmer bekommt zwar unter Umständen einen Zuschuss, um seine Beschäftigten, seine Lieferanten, seine Firmenmiete zu bezahlen, es fließen jedoch keine Mittel für die eige-nen laufenden Kosten und den Lebensunterhalt. Diese Unternehmer müssen letztendlich Hartz 4 beantragen. Während Angestellte teilwei-se aufgestocktes Kurzarbeitergeld erhalten, nehmen wir eine geringe Wertschätzung gegenüber dem Unternehmertum wahr. Es werden zukünftig noch mehr Menschen ihr Heil im Angestelltenverhältnis su-chen und nicht in der Selbständigkeit.

1.3 Existenzsorgen

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Existenzsorgen. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen (77%) hat keine Existenzsorgen. Bei uns schrillen jedoch die Alarmglocken, wenn jedes vierte bis fünfte Un-ternehmen (23%) des Verbandes diese Sorgen äußert. Die Zahlen belegen die existenzielle Situation der Unternehmer, die damit auch seit Wochen und Monaten eine große psychische Belastung tragen. Die Unternehmer haften nicht nur häufig unbeschränkt, unmittelbar und gesamtschuldnerisch, sondern tragen auch eine hohe Verantwor-tung und Fürsorge für die Mitarbeiter und damit den angeschlossenen Familien. Diese psychologischen Belastungen erhalten in der öffentli-chen Debatte keine Beachtung und Anerkennung. Wir haben unseren Mitgliedern frühzeitig Hilfe in diesem Bereich angeboten.

1.4 Fachkräftemangel und Bürokratiebelastung in-zwischen zweitrangig

In den zurückliegenden Jahren wurde die Bürokratiebelastung, der Fachkräftemangel und schließlich auch die datenschutzrechtlichen Vorschriften als die stärksten unternehmerischen Belastungen hin-sichtlich der Entwicklung genannt. Diese Themen verlieren bei einer so existentiellen Krise an Bedeutung.
Die Mehrheit der Betriebe leidet inzwischen am stärksten unter den Beschränkungen durch die Corona Schutzmaßnahmen (57%). Jedes zweite Unternehmen beklagt fehlende Aufträge und einen gestörten Vertrieb (50%). Jeder dritte Betrieb leidet unter einer fehlenden In-landsnachfrage. Auch gestörte Lieferketten (28%) und das „Home-schooling/Kinderbetreuung“ (24%) stellen Mitarbeiter und Unterneh-men vor große Herausforderungen. Die Volkswirtschaft geht davon aus, dass Eltern die zu Hause nebenbei ihre Kinder beschulen müs-sen, statt zu arbeiten, zwei bis drei Prozent der Wirtschaftsleistung kosten.
Hinzu kommt, dass unsere Umfrage ebenfalls ergab, dass die Unter-nehmer durch Schul- und Kitaschließungen selbst durchschnittlich drei Stunden am Tag zusätzlich für die Betreuung ihrer eigenen Kinder aufwenden müssen. Das ist Zeit, die nicht zur betrieblichen Krisen-bewältigung oder zur Erschließung neuer Märkte zur Verfügung stand.

1.5. Gutes Krisenmanagement durch die Politik

Die Mehrheit unserer Mitgliedsunternehmen bescheinigt den Regie-rungen in Kiel und Berlin ein gutes Krisenmanagement. Unsere Bün-delung von branchenübergreifenden Interessen liefert der Politik ge-rade jetzt in der Krise einen wichtigen Kompass bei der Abwägung zwischen richtigen und falschen Weggabelungen. Die Bundesregie-rung zeigt Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit. Die Landesregie-rung und ihre angeschlossenen Institutionen, wie die Investitions-bank, zeigen sich in der Krise gesprächsbereit. Wir freuen uns, dass zahlreiche unserer Anregungen von der Politik umgesetzt wurden. Auch wenn nicht alles praxisnah erfolgte, so wird doch vieles im Grundsatz richtig gemacht.

1.6. Homeoffice

Immer mehr Unternehmen bieten Ihren Angestellten inzwischen die Möglichkeit des Homeoffices an. Wir gehen davon aus, dass auch nach der Krise die verstärkten Angebote von Arbeitgeberseite beste-hen bleiben werden. Dabei sind viele Dinge herausfordernd, wie zum Beispiel die Personalführung oder die Einhaltung des gesetzlichen Da-tenschutzes, als wesentliche Aufgabe des Arbeitgebers.
Einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice lehnen wir ab. Home-office passt nicht überall, vor allem wenn der direkte Kontakt zu Kunden oder Mitarbeitern erforderlich ist. Gewerkschaften und Ar-beitgeber schaffen hier bilateral bessere Lösungen als Gesetze von oben herab. Nach unseren Erfahrungen sind die meisten Arbeitneh-mer froh, wenn sie wieder zur Arbeitsstätte gehen dürfen. Außer-dem würde es nicht gerade zum unternehmerischen und gesell-schaftlichen Frieden beitragen, wenn der Bürotätigkeit solche Privile-gien eingeräumt würden.

1.7. Zusammenfassung
• Mehrheit der Unternehmen sieht sich erst am Anfang der Krise
• Ein Viertel der Unternehmen hat Anträge auf Soforthilfe oder neue Kreditanträge gestellt
• Ein Viertel der Unternehmen hat Existenzsorgen
• Belastungen wie Bürokratieaufwand und Fachkräftemangel verlie-ren an Bedeutung
• Gute Noten für das Krisenmanagement der Politik
• Unternehmen bieten vermehrt Homeoffice an

2. Konjunktureinschätzung
2.1 Generelle Einschätzung der Konjunktur

Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft an der Westküste mit einer noch nie dagewesenen Wucht getroffen. Selbst in der Weltwirt-schaftskrise 2008/2009 haben wir nicht so dramatische Werte fest-stellen müssen wie in der aktuellen Konjunkturumfrage (Sommer 2009: besser 9%, gleich 45%, schlechter 46%)
Die große Mehrheit geht davon aus, dass sich die gesamtwirtschaftli-che Entwicklung in den kommenden 6 Monaten weiter verschlechtern wird (68%). Noch dramatischer bewerten wir die Einschätzung, dass der Absturz auch darüber hinaus anhalten wird. 61% der Befragten erwarten auch in den nächsten 12 Monaten eine weitere Verschlech-terung. Wie es in der zweiten Jahreshälfte weitergeht, hängt natür-lich auch von der Inlandsnachfrage und der Entwicklung der Weltwirt-schaft ab.

2.2 Auftragseingänge

Wir erleben einen bespiellosen Einbruch der Auftragseingänge. Bei der Mehrheit der Unternehmen (54%) sind die Auftragseingänge in der ersten Jahreshälfte zurückgegangen. Im Vergleich die Werte aus der letzten Wirtschaftskrise: Sommer 2008: 15%, Winter 2008: 34%, Sommer 2009: 51%, Winter 2009: 15%.
Während sich die Auftragssituation nach der letzten Wirtschaftskrise wieder rasch erholte, erwarten wir für dieses Jahr keine Erholung.

Jedes zweite Unternehmen bewertet den derzeitigen Auftragsbestand als zu klein (51%).

Eine Mehrheit der Unternehmen (39%) glaubt nicht, dass Ihre Auf-träge in den kommenden 6 Monaten das Vor-Corona-Niveau errei-chen werden. Der Blick auf die kommenden 12 Monate ist zwar leicht optimistischer, dennoch glaubt noch immer mehr als jedes dritte Un-ternehmen sich auch dann noch nicht erholt zu haben (36%).

2.3 Auslastung

Während in der Umfrage im Winter 2019 noch 26% unserer Mit-gliedsunternehmen angaben zu 100% ausgelastet zu sein, sind es jetzt nur noch 15% (nicht in Grafik dargestellt). Die Auslastung der Unternehmen ist zwar zurückgegangen, aber durch langfristige Pro-jekte und Aufträge aus der Vor-Corona-Zeit befindet sie sich noch nicht im kritischen Bereich.

2.4 Investitionen

Die Auswirkungen der Krise auf die Investitionen sind bereits jetzt dramatisch. Jedes zweite Unternehmen (52%) hat seine Investitionen eingeschränkt. Letzten Sommer gaben dies lediglich 14% an.

Auch im kommenden Halbjahr haben die Unternehmen nicht vor zu investieren. Die Unternehmen werden entweder die bereits jetzt niedrigen Investitionen zumindest konstant halten (45%), oder sie werden die Investitionen (45%) sogar noch weiter einschränken.

2.5 Personalbestand und Ausbildungsplätze

Die Anzahl der Unternehmen, die Ihren Personalbestand verkleinern wollen, hat sich im Verglich zur Umfrage aus dem Sommer 2019 verdreifacht (von 6 auf 18%).
Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels werden die Unterneh-men aber alles daran setzten ihr Personal zu halten. Wir gehen daher nicht davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte zu einer Entlas-sungswelle kommen wird. Die Betriebe reagieren vorrangig mit einer Anpassung ihrer Arbeitsnachfrage durch Kurzarbeit.

Die Ausbildungsbetriebe halten in überwiegender Mehrheit an Ihrem Ausbildungsangebot fest. Die Unternehmen wissen nur zu gut, dass Ausbildung die Fachkräfte von morgen sichern wird.

2.6 Kurzarbeit

Die Tatsache, dass die Unternehmen bislang Ihre Mitarbeiter halten können und auch optimistisch sind, diese in der Zukunft halten zu können, hat nicht unwesentlich mit dem Instrument der Kurzarbeit zu tun. Die Kurzarbeit ist ein wichtiges Werkzeugt für die Unternehmen. 37% der befragten Unternehmen führt derzeit Kurzarbeit durch oder plant deren Einführung. Welchen Erdrutsch die Corona-Pandemie in nur wenigen Monaten ausgelöst hat, machen zwei Werte deutlich. Im Winter 2019 gab nur 1% der Unternehmen an Kurzarbeit nutzen zu müssen. Selbst auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 2009 waren es lediglich 22% der Befragten (jetzt 37%), die Kurzarbeit in Anspruch nahmen.

2.7 Zusammenfassung
• Langfristige Einschnitte für die Unternehmen erwartet – keine sub-stanzielle Erholung im kommenden Halbjahr
• Einbruch bei den Auftragseingängen
• Auslastung der Unternehmen noch vergleichsweise hoch
• Investitionen werden gestoppt
• Personal- und Ausbildungsbestand soll konstant gehalten werden
• Jedes dritte Unternehmen in Kurzarbeit

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