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Aufträge brechen weg

Der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste (UVUW) hat seine 400 Mitgliedsunternehmen um ihre konjunkturelle Einschätzung gebeten.

Die Umfrage zur Konjunkturlage wurde an alle Mitglieder des UVUWs verschickt. Teilgenommen haben 122 Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen. Die Ergebnisse liefern daher einen guten Blick auf die gesamtunternehmerische Situation des Westens Schleswig-Holsteins.

Ergänzend zu konjunkturellen Fragen nach der Auftragslage, der Investitionsbereitschaft und den Personalbeständen befragen wir unsere Mitgliedsunternehmen auch zu übergeordneten Themen.

Übergeordnete Themen

Materialknappheit

Die schlimmste Phase der bei den Problemen mit der Materialbeschaffung und den Lieferschwierigkeiten scheint überwunden. Jedes zweite Unternehmen (50%) leidet unter Rohstoffknappheit und Lieferengpässen. Die Situation hat sich in den letzten sechs Monaten leicht entschärft. Im Sommer dieses Jahres waren es noch 71% aller Unternehmen und im Winter vor einem Jahr 69% betroffene Unternehmen.

Energiekrise

Die Unternehmen halten trotz der Energiepreisentwicklung weiter an ihren Zeitplänen zur Erreichung der Klimaneutralität fest. Zwar stellen 15% der Unternehmen geplante Investitionen in diesem Bereich zurück, 17% werden hingegen die Investitionen in eine klimaneutrale Produktion beschleunigen.

Den Unternehmen sollten mehr Spielraum für eigene, innovative Lösungen eingeräumt werden, anstatt sie in ein enges Korsett von Ge- und Verboten zu zwängen.

Die Unternehmerinnen und Unternehmer geben an, dass sie auf Grund der immer weiter steigenden Energiepreise weitere Preiserhöhungen ihrer Produkte für „wahrscheinlich“ (34%) und „sehr wahrscheinlich“ (42%) halten. Außerdem halten die meisten Befragten es für „wahrscheinlich“ (50%) und „sehr wahrscheinlich“ (21%), dass die Entwicklung zu weiteren Investitionen in die Energieeffizienz führen werden. Ein Wechsel auf andere Energieträger bleibt mehrheitlich nicht zu erwarten.

Unsere Umfrage ergab auch, dass die Unternehmen sich Sorgen um die Versorgungssicherheit von Energielieferungen für ihr Unternehmen machen. Gefragt danach gaben die Befragten auf einer Skala von 1 (sehr zuverlässig) bis 6 (sehr unzuverlässig) einen Mittelwert von 3,16 an. Eine leichte Mehrheit der Unternehmerinnen und Unternehmer befürchtet damit, dass ihre zuverlässigen Energiebelieferungen eingeschränkt werden könnte.

Die Mehrheit (56%) gibt noch immer an, die Mehrkosten für die Energiebeschaffung nicht vollständig an die Kunden bzw. die Verbraucher weitergeben zu können. Zwar finden Preisanpassungen nach oben statt, jedoch nach wie vor nicht in dem Umfang, in dem sie es eigentlich müssten. Das zehrt an der Substanz. Es geben aber inzwischen deutlich mehr Unternehmen die Preise an die Kunden weiter, als es noch Mitte des Jahres der Fall war.

Unser kleiner Mittelstand und Familienunternehmen agieren traditionell nachhaltig. Das Unternehmen soll gut ausgestattet an die nächste Generation übergeben werden. Wenn die Energiepreise so beispielslos steigen wie derzeit, können Rücklagen die rasant steigenden Kosten kaum abdecken.

Die Unternehmen der Westküste stehen im internationalen Wettbewerb. Die Energiekosten sind in Deutschland und insbesondere bei uns in Schleswig-Holstein nicht wettbewerbsfähig. Es müssen endlich unterschiedliche Energiepreiszonen in Deutschland geschaffen werden. Dort wo die Energie grün erzeugt wird und im Überfluss vorhanden ist muss die Energie günstiger sein, als an Standorten wo dies nicht der Fall ist.

Die aktuelle Höhe der Energiepreise ist ein Hemmnis für Investitionen und Neuansiedelungen bei uns. Ein weiteres Hemmnis ist, dass die mittelfristige oder langfristige Berechenbarkeit der Energiekosten für ansiedelungswillige Unternehmen nicht vorhanden ist. Investitionsentscheidungen können nur getroffen werden, wenn zumindest ein Mindestmaß an Kalkulierbarkeit von Rahmenbedingungen gegeben ist.

Fachkräftemangel unverändert hoch

Der Fachkräftemangel und der Arbeitskräftemangel bleibt eine riesige Herausforderung für die Unternehmen. In Schulnoten übersetzt bewertet kein einziges Unternehmen die Verfügbarkeit von Fachkräften als „sehr gut“. 46% bewerten die Situation als „mangelhaft“ und 9% als „ungenügend“.“

Die voraussichtliche Ansiedlung von Northvolt in Heide und die Investitionen in Brunsbüttel und Itzehoe werden den Kampf um Fachkräfte weiter verschärfen. Wir haben beispielsweise in Dithmarschen 43.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Northvolt allein möchte bereits 3.000 Personen einstellen. Um Northvolt herum sollen es knapp 10.000 Arbeits- und Fachkräfte sein.

Hinzu kommt der demografische Wandel, der das einheimische Fachkräftepotenzial in den kommenden Jahren zusätzlich drastisch schrumpfen lässt. Wir sind auf Zuwanderung aus dem In- und Ausland angewiesen. Wir brauchen eine Zuwanderungsoffensive an der Westküste. Der Staat kann außerdem durch den Bürokratieabbau dem Fachkräftemangel begegnen: Wenn die Beschäftigten wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Tätigkeit haben würden, würde der Fachkräftemangel effektiv bekämpft werden.

An der Westküste ist seit 2005 der Anteil in der Bevölkerung an unter 25jährigen um 20% zurückgegangen. In Schleswig-Holstein waren es nur 6%. Hinzu kommt, dass sich der Anteil von jungen Menschen mit einem Fachabitur oder Abitur seitdem im Gegenzug verdoppelt hat. Diese jungen Menschen streben zunehmend ein Studium und keine Ausbildung an. Wenn wir an der Westküste nicht vollkommen ausbluten wollen, brauchen wir zusätzliche Hochschulstandorte.

Erstmals seit Jahren geben wieder über 20% der Arbeitgeber an, dass Sie ihren Personalbestand verringert haben. Ein vergleichbarer Wert liegt laut unseren Umfragen knapp zehn Jahre zurück. Der Personalbestand ist im zurückliegenden Halbjahr mehrheitlich konstant geblieben. Bei 59% ist der Personalbestand unverändert geblieben. 23% haben Ihren Personalbestand verkleinert. 17% haben ihn erhöht. Die Arbeitsplätze sind noch immer sicher. Die Nachfrage nach neuem Personal ist zwar weiterhin hoch, hatte sich zuletzt aber spürbar abgeschwächt.

Die Unternehmen wollen weiterhin einstellen. Zwar ergab unsere Umfrage, dass der Anteil von Unternehmen, die ihren Personalbestand erhöhen wollen, kleiner geworden ist als in der Vergangenheit. Trotz allem geben nach wie vor mehr Arbeitgeber an ihren Personalbestand erhöhen zu wollen (20%) als ihn verkleinern (13%) zu wollen.

Unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen jedoch, dass zwar der Wille vorhanden ist den Personalbestand zu erhöhen, der Arbeitsmarkt den Bedarf jedoch nicht decken kann.

Auch der Druck auf dem Ausbildungsmarkt bleibt enorm hoch. Es gibt deutlich mehr freie Stellen als Bewerber. Besonders stark ist seit Jahren ein kontinuierlicher Rückgang der Auszubildenden in Kleinstbetrieben zu beobachten. Es sind kreative Lösungen gefragt. Die Mehrheit der Ausbildungsbetriebe kann sich daher auch eine Verbundausbildung vorstellen. Mehrere Unternehmen würden einen Auszubildenen gemeinsam ausbilden und am Ende der Ausbildung kann die auszubildende Person dann entscheiden bei welchem Unternehmen die Anstellung erfolgen soll.

Es wäre sinnvoll, Azubis aus Drittstaaten gezielt anzuwerben. Pilotprojekte sind hierzu in der Region in der Vergangenheit gescheitert. Es bedarf eines neuen Versuches dieses Potential zu heben.

Top 10 der wirtschaftlichen Belastungen

Am stärksten belastet die Unternehmen nach wie vor der Büro-kratieaufwand (70%), gefolgt von den Energiekosten (61%), dem Mangel an Fachkräften (48%), den hohen Arbeitskosten (48%) und dem Mangel an Arbeitskräften generell (46%).

Hinsichtlich der Bürokratiebelastung möchte die Bundesregierung für Infrastrukturvorhaben Genehmigungsverfahren vereinfachen und beschleunigen. Diese Vorhaben müssen selbstverständlich auch den Straßenbau beinhalten, wie von Bundesverkehrsminister Wissing geplant. Hier braucht es nicht weniger als eine fundamentale Reform. Auch die Zeiträume für die Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen sind noch zu lang und müssen dringend in die Reform miteingeschlossen werden. Es müssen außerdem unbedingt die bürokratischen Verfahren bei der Zuwanderung überarbeitet werden, denn komplizierte und langwierige Prozesse sind Gift für eine gelungene Zuwanderung.

Um der Bürokratie zu reformieren, müssen wir vom Verwaltungsweltmeister zum Gestaltungsweltmeister werden. Es muss mehr darum gehen, wie Geld erwirtschaftet werden kann und nicht wie es verteilt werden kann. Ohne Wachstum schwindet Fortschritt und Wohlstand und die ökonomischen Verteilungskonflikte nehmen zu. Die Sozialkassen müssen mit weniger Einnahmen höhere Ausgaben stemmen, das gilt insbesondere für die Rentenkasse.

Die Arbeitgeber müssen entfesselt werden von Bürokratie, kompliziertem Arbeitsrecht und hohen Lohnnebenkosten. Der bürokratische Anteil eines Auftrages ist häufig höher als die Arbeit am eigentlichen Produkt. Die Unternehmen brauchen Luft zum Atmen, um Innovationen entwickeln zu können. Die Verwaltung braucht Raum für Kreativität, Gestaltungsspielraum und Wagemut.

Die unklaren und zum Teil widersprüchlichen Gesetze und Vorschriften führen selbst beim anständigsten Unternehmer zur Ratlosigkeit. So mancher hatte das Gefühl, Versuchskaninchen unter sich laufend ändern Regeln zu sein. Selbst die eigentlich der Orientierung dienenden Berater wie Anwalts- und Steuerberatungskanzleien kommen zunehmend an die Grenzen der rechtssicheren Beratungsfähigkeit.

Die hohen Arbeitskosten nehmen erstmal in unserer Umfrage einen Spitzenplatz ein. Inzwischen beklagen sich 48% der Unternehmen darüber. Vor einem Jahr waren es 33% und dem Jahr 2020 gaben es nur 26% an. Die Lohnnebenkosten sind eben viel zu hoch. Auch die Sozialabgaben und die Steuern müssen für Arbeitnehmer runter. Arbeit muss sich lohnen! Mehrarbeit muss sich mehr lohnen!

Zusammenfassung

  • Probleme mit Materialknappheit und Lieferengpässen leicht rückläufig
  • Energiekrise hat keine negativen Auswirkungen auf die angestrebte Klimaneutralität
  • steigende Energiekosten führen zu steigenden Preisen
  • erstzunehmende Sorgen bei Unternehmen, dass Versorgungssicherheit mit Energie gefährdet, ist
  • Preissteigerungen werden zunehmend an Kunden und Verbraucher weitergegeben
  • Fachkräftemangel und Arbeitskräftemangel unverändert hoch.
  • Mehrheit der Arbeitgeber kann sich eine Verbundsausbildung vorstellen
  • hohe Arbeitskosten stellen zunehmend ein Problem dar

Konjunktureinschätzung

Generelle Einschätzung der Konjunktur

Losgelöst von der einzelbetrieblichen Einschätzung bewertet jedes zweite Unternehmen (56%) die generelle bundesweite wirtschaftliche Entwicklung des zweiten Halbjahres 2022 gegenüber dem ersten Halbjahr 2022 als schlechter. Die ist der schlechteste Wert unserer Aufzeichnungen.

Der Blick in die Zukunft ist düster. Die Arbeitgeber im Westen Schleswig-Holsteins befürchten, dass sich die Konjunktur in Deutschland in den nächsten Monaten weiter verschlechtern (72%) wird. Auch hier haben wir in der Vergangenheit keine pessimistischeren Werte feststellen können.

Gegenwärtige Geschäftslage

Im Vergleich zur konjunkturellen Gesamtstimmungslage laufen die Geschäfte noch immer gut. Jedoch wird die gegenwärtige Geschäftslage inzwischen von 4% weniger mit „gut“ bewertet als noch vor einem halben Jahr und von 11% weniger als noch vor einem Jahr. (jetzt 41%, Sommer 22: 45%, Winter 21: 52%).

16% der Befragten geben ihre Geschäftslage mit „schlecht“ an, das sind 2% mehr als im Sommer und 3% mehr als im Winter letzten Jahres.

Auslastung

Die Auslastung der Unternehmen ist leicht rückläufig. Die Unternehmen der Westküste haben derzeit zwar noch immer eine hohe Auslastung von durchschnittlich 84%. Vor einem halben Jahr waren es aber noch 88%. Die Unternehmen haben heute weniger zu tun als noch im Sommer oder im Winter vor einem Jahr, aber noch immer genug. Vor dem Hintergrund der mangelnden Aufträge im Jahr 2023 ist erst für das kommende Jahr mit einem drastischen Einbruch der Kapazitätsauslastung zu erwarten.

Auftragseingänge

Die Unternehmen spüren einen deutlichen Auftragsrückgang. Bei jedem dritten Unternehmen (36%) sind die Auftragseingänge im letzten Halbjahr zurückgegangen. Bei lediglich 20% der Betriebe sind die Auftragseingänge gestiegen. Die Auftragsbestände steigen nicht weiter an. Der hohe Auftragsbestand der letzten Jahre konnte in den zurückliegenden Monaten mehr und mehr abgearbeitet werden.

Dramatisch ist der Blick auf die kommenden Monate. 41% der Unternehmen glauben, dass die Auftragseingänge in den kommenden Monaten fallen werden. Nur noch 18% glauben, dass diese steigen werden. Nie war der Blick auf die zukünftige Auftragssituation derart schlecht wie zurzeit.

Zum Vergleich:

Investitionen

Die Investitionsbereitschaft ist rückläufig. Die Investitionen wurden tendenziell eher eingeschränkt als erhöht. Der Trend zeichnete sich bereits im Sommer ab und verschärfte sich nochmals. Jedes dritte Unternehmen (34%) wird im kommenden Jahr die Investitionen einschränken. Nur 18% plant die Investitionen zu erhöhen. Die hohen Zinsen tragen erheblich zu dieser Entwicklung bei.

Wie nie zu vor, befinden uns in einer multidimensionalen Krise. Die Unternehmen sind mit diversen Herausforderungen geleichzeitig konfrontiert. Jede Krise ist auch immer Beschleuniger von ohnehin notwenigen Veränderungen. Wenn man zurückblickt, hat jede Krise die deutsche Wirtschaft eher gestärkt. Es werden die Unternehmen bestehen und es werden den Politikern ein Denkmal gesetzt, die die Krise als Chance erkennen und mutig voran gehen. Wir brauchen den starken Willen nach Veränderung und den Mut Ideen auch zu verwirklichen. Mit dem deutschen Anspruch nach Perfektionismus wird dies nicht gelingen. Auch Fehler müssen erlaubt sein. Hauptsache wir kommen ins Tun!

Zusammenfassung

  • Noch nie wurde die bundesweite wirtschaftliche Entwicklung so negativ bewertet wie in der zweiten Jahreshälfte 2022
  • Nie zu vor war der Blick auf die zukünftige bundesweite konjunkturelle Entwicklung so pessimistisch wie zur Zeit
  • Gegenwärtig noch mehrheitlich gute Geschäftslage und gute Auslastung
  • Weniger Auftragseingänge in der zweiten Jahreshälfte als in der ersten
  • gegenwärtiger Auftragsbestand zu niedrig
  • für 2023 wird dramatischer Auftragseinbruch erwartet
  • Investitionsbereitschaft rückläufig
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